"Wir sind das Volk"

Festrede von AH Günther Meyer v/Goliath
anlässlich der hochoffiziellen Burschenschaftskneipe zur deutschen Vereinigung am 03. Oktober 1990

Liebe Farbenbrüder, liebe Farbenschwestern,Goliath

"3. Oktober 1990", ein wahrhaft denkwürdiger Tag! Was 45 Jahre getrennt war, kam heute wieder zusammen. Der Eiserne Vorhang, der die Welt in zwei Lager teilte, existiert nicht mehr. Mit dem heutigen Tage erst ist für uns Deutsche der Krieg vorbei. Die längste Besatzungszeit der neueren Geschichte ist beendet.

"Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland" - 45 Jahre nach dem Ende des unseligen zweiten Weltkriegs ist das Ziel des Liedes der Deutschen erreicht. Ohne Krieg, durch die friedliche, demokratische Volksbewegung. Dies bewegt besonders uns Burschenschaften. Immer war diese Einheit der Deutschen das hohe Ziel, seit die ersten Korporationen 1815 in Jena entstanden: gegen Kleinstaaterei und Fürstenwillkür voller Sehnsucht nach Einheit, Recht und Freiheit.

"Freiheit schreibt auf Eure Fahnen" heißt es in einem der ersten Lieder der jungen Burschenschaften. Das Hambacher Fest 1832 gab allem Sehnen einen Ausdruck und vereinte die Studenten mit den Bürgern unter den Farben "Schwarz - Rot - Gold": das ganze Deutschland soll es sein! Es kam zur Revolution von 1848, die Bürger, Studenten und die neue Arbeiterklasse Seite an Seite sah. Doch die hohen Ideale versanken in endlosen Verfassungsdebatten in der Frankfurter Paulskirche, dem Sitz des ersten Deutschen Parlamentes. Nach 10 Monaten hatte sich die alte und schon geschlagene Macht restauriert - ein Traum war ausgeträumt. Die Kleinstaaterei ging weiter und so manchem Fürsten passten nun die Freiheitsrufe der Studenten gar nicht mehr. Wo direkte Unterdrückung nicht möglich war, versuchte man es mit Diffamierung der Korporationen - eigentlich bis heute. Der politische Einfluss der Burschenschaften schwand seit 1848 eigentlich bis heute...

Vieles, meine Kommilitonen und besonders meine jungen Freunde, was in diesen Tagen geschieht, lässt sich nur aus Kenntnis der Vergangenheit erklären und verstehen. Deshalb mein historischer Exkurs.

In der Nazizeit sangen wir in der Hitlerjugend "Nur der Freiheit gehört unser Leben" - aber wirkliche Freiheit hatten wir ja nie kennen gelernt! Genauso wenig wie später die Jugendlichen in der Ostzone, die einer "Freien Deutschen Jugend" beitreten mussten. Die kamen doch ohne Unterbrechung von einer Diktatur in die nächste! Und genau wie Hitler die Studentenverbindungen verboten hatte, ließ sie Ulbricht gar nicht erst wieder entstehen.

Wie sah es bei uns in den westlichen Besatzungszonen nach Kriegsende aus? 1946 eröffneten aus Trümmern die ersten Universitäten und Fachschulen, auch die "Rheinische Ingenieurschule Bingen". Aus Krieg und Gefangenschaft kamen Zwanzig- bis Vierzigjährige, voll Hunger nach Wissen und geplagt von echtem Hunger! Studentisches Leben, ja, davon hatte man mal gehört, aus Liedern romantische Verklärung einer vergangenen Zeit...

Zaghaft wuchsen dann 1948 die ersten Hoffnungen: Alte Herren kamen nach Bingen, suchten Kontakte mit Studenten. 15 Jahre versteckte Banner, Schläger, Kommersbücher, Kneipjacken und Vollwichs tauchten auf - auch drüben in der Ostzone, nicht nur in der "Trizone", wie wir hier hießen. Es gab ja noch Ost-West-Kontakte, Verbindungen wurden geknüpft, zum Beispiel mit Mitweidia in Thüringen, einer renommierten Ausbildungsstätte. Hier in Bingen genehmigte der französische Stadtkommandant im Wintersemester 1948/49 die Wiedergründung der ersten Burschenschaft, der "Normannia", die später in der "Holsatia" aufging. Allerdings durften wir damals keine Schläger tragen, eigentlich auch nicht besitzen. Um den Kommers durchzuführen, schlugen wir halt mit Holzhämmern auf die Schlagbretter.

1949 - Grundgesetz, Bundesrepublik. Kurze Zeit später Gründung der DDR. Während bei uns ein Aufschwung ohnegleichen begann, auch im studentischen Leben, begann in der "demokratischen" Republik drüben die Unterdrückung in allen Bereichen, das zarte Pflänzchen Burschenschaft wurde als restaurativ zertreten. Allerdings soll nicht unerwähnt bleiben, dass es auch in den Reihen der Studenten eine ganze Menge gab, die für die aus der Zwangsvereinigung von KPD und SPD entstandene SED agitierten. Eine Parallele zu 1933, als doch manche Korporierten zum NS-Studentenbund tendierten und ihre Farben und ihre Wahlsprüche als "nicht mehr dem Zeitgeist entsprechend" betrachteten...

Freie Wahlen, angeblich frei, sollten der DDR den Anschein einer Demokratie geben, Christliche, Liberale, Bauernpartei usw. machten als Blockparteien mit, um die Alleinherrschaft der SED nicht so augenfällig zu machen - sie aber noch mehr untermauerte. Ein Beispiel dessen, was uns hätte blühen können, wenn der damalige Bundeskanzler Adenauer nicht so stur an der Westbindung festgehalten hätte. Denn Lippenbekenntnisse zur deutschen Einheit und Angebote für gesamtdeutsche Wahlen kamen von Stalins und Ulbrichts Kadern durchaus.

Wir hier hatten das Glück, dass die westlichen Alliierten uns im inzwischen begonnenen "Kalten Krieg" brauchten. Drüben weitere Demontage, bei uns Wiederaufbau. Die Werke, die man gleich nach dem Kriege demontiert hatte, konnten nun mit Marshallplangeldern moderner denn je wieder aufgebaut werden. Drüben: NICHTS! Stalin hatte die Annahme von Marschallplangeldern abgelehnt und seine Vasallen auch dazu gezwungen. Während Tito einen eigenen Weg ging, zementierten die Kommunisten in den anderen Ländern des Ostblocks ihre Herrschaft und ihre Abhängigkeit von Moskau. Und da wir Deutschen ja die Eigenschaft haben, alles besonders gründlich zu machen, wurden die SED-Genossen in der DDR auch 150-prozentige Kommunisten - und damit gar nicht so beliebt in den anderen Volksdemokratien!

Nach dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953, mit Waffengewalt niedergeschlagen, wurde die Zügel etwas lockerer gelassen, um nach ein paar Wochen um so fester wieder angezogen zu werden. Schamlos wurde von den von der Komintern geschulten Leuten um Ulbricht die Lage ausgenutzt. Man schuf das große Feindbild der Bundesrepublik gegenüber dem ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden. Ein Teil des Volkes glaubte wirklich, dass sein Wille geschähe! Ein anderer Teil flüchtete in den Westen - bis Ulbricht im August 1961 die Mauer bauen lies. Eine Mauer mitten durch Berlin, durch Deutschland, durch Städte, Dörfer, Familien. Eine Mauer mitten durch unser Herz! Mit jedem Stein der Mauer, mit jedem Tag ihres Bestehens wuchs die Entfremdung der beiden Teile Deutschlands, auch wenn man es offiziell nicht wahrhaben wollte. Trotz der später durch die sozialliberale Regierung erreichten Zugeständnisse und Reiseerleichterungen wurden die Kontakte geringer. Jeder, gerade wenn er beruflich drüben zu tun hatte, musste feststellen: Wir sprachen nicht mehr die gleiche Sprache!

Als 1968 unsere Studenten gegen Selbstzufriedenheit und Muff auftraten, hatte das drüben keine Wirkung. Dort wurde gesungen: "Die Partei, die hat immer recht!" - es soll welche geben, die das heute noch glauben. Eine so schwachsinnige Parole gab es noch nicht mal bei Goebbels...

Bei uns in der Bundesrepublik rückte die persönliche Karriere mehr und mehr in den Vordergrund. Man wurde ehrgeiziger, wollte verdienen, was sein, was vom Leben haben. Auch die meisten großen Wortführer von 1968 verschwanden im Establishment, das sie früher so bekämpft hatten. Man war wieder wer, man wollte es auch zeigen! Die "Zone", wie die DDR meist noch genannt wurde, entfernte sich langsam aus unserem Gedächtnis. Einzelne Flüchtlinge geben zwar Schlagzeilen für die Bildzeitung, sie wurden schnell integriert. Der "Tag der deutschen Einheit" am 17. Juni wurde eine Art Pflichtübung und schließlich nur noch ein freier Tag...

Aber gerade da, als wir uns fast mit de Zweiteilung Deutschlands abgefunden hatten und ernsthaft über die Anerkennung einer DDR-Staatsangehörigkeit verhandelt wurde, da wuchs besonders in den jungen Menschen drüben der Widerstand. Nach der Flüchtlingswelle über Ungarn und die Tschechoslowakei, die wir mit offenen Armen aufnahmen, blickten wir erstaunt auf die Montagsdemonstrationen in Leipzig und Ostberlin. Die Teilnehmer skandierten "WIR SIND DAS VOLK" - das war auch für uns neu. Wir hatten ja fast vergessen, dass in unserem Grundgesetz steht: "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus." Wir sind das Volk - jetzt begreifen wir auch, warum die Studentenbewegung von 1968 bei uns nur wenig Erfolg haben konnte - es war nicht das Volk! Aber in der DDR erhob sich das Volk, friedlich, es forderte mehr Rechte, Redefreiheit, Reisefreiheit, Demokratie und Wiedervereinigung: Deutschland, einig Vaterland! Und diese echte Volksbewegung, diese friedliche Revolution fegte die machthungrigen Greise um Erich Honecker hinweg und machte den Weg frei für eine Vereinigung der durch die Siegermächte des zweiten Weltkrieges geschaffenen beiden deutschen Saaten. Diese Siegermächte, von denen wir bisher eigentlich den Eindruck haben mussten, dass ihnen die Teilung Deutschlands ganz recht war, sie sagten plötzlich JA!

Besonders Gorbatschow, der den freiheitlichen Kräften im ganzen Ostblock den Rücken frei machte. Hoffen und wünschen wir, dass er auch der Schwierigkeiten im eigenen Lande Herr wird.

Revolutionen fordern Köpfe, auch friedliche Revolutionen. Die Suche nach Schuldigen für die ganze Misere, nach Stasimitgliedern usw. kommt uns als Kriegsgeneration aus der Zeit nach dem Zusammenbruch so bekannt vor. Da wollte es auch niemand gewesen sein, alle waren nur Mitläufer. Und viele stramme Rechtsbeuger behielten Position und Pension; es ist alles schon einmal da gewesen.

Lasst euch nicht durch Parteiengezänk verwirren - wir werden über alte Probleme und Schwierigkeiten hinweg zusammen wachsen! Gewiss werden die wirtschaftlichen Probleme immens sein. 40 Jahre Planwirtschaft können nicht mit einem Federstrich in freie Marktwirtschaft umgewandelt werden. Viele Menschen drüben haben leider das eigene Denken verlernt, man bekam ja gesagt was man zu machen hatte! Nun kommen wir plötzlich mit unserer Ellbogengesellschaft, mit Eigenverantwortlichkeit und Konkurrenzkampf.

Wir müssen mehr Verständnis füreinander haben, wir müssen unseren Brüdern und Schwestern helfen, müssen das "HÜBEN" und "DRÜBEN" überwinden! Ist es eigentlich noch in Erinnerung, dass es vor 33 Jahren schon mal eine Vereinigung nach §23 des Grundgesetzes gab? Nach 12 Jahren relativer Selbständigkeit im französischen Wirtschaftssystem wurde das Saarland nach der für Deutschland entscheidenden Wahl vom Oktober 1955 am 01. Januar 1957 politisch ein Land der Bundesrepublik, im Herbst 1959 auch wirtschaftlich.
Dem Saarland musste damals auch geholfen werden - und es wurde geholfen! Es ist nun müßig, darüber zu spekulieren, ob man bei politischer und wirtschaftlicher Einheit mit der DDR auch so in zwei Abschnitten hätte verfahren sollen. Das Volk hat sich in freier Wahl entschieden! Seit heute sind wir wieder EINS! Die Kürzel BRD und DDR entfallen, es gibt nur noch ein Deutschland! Das, wofür viele sich eingesetzt haben, nicht zuletzt die Burschenschaften, die mit heißem Herzen diesen Tag herbei gesehnt haben. Ohne übertriebenen Nationalismus, aber mit Stolz auf die Einheit der Deutschen. In Frieden und Freiheit reichen wir Europa und der Welt die Hand!

Lasst das Burschenbanner wallen,
haltet's hoch mit starker Hand,
brausend lasst den Ruf erschallen:
Ehre, Freiheit, Vaterland!

Unser Vaterland blühe und gedeihe in Einheit und Freiheit!
Vivat - Crescat - Floreat Deutschland!

Copyright © 1990 Günther Meyer, Burschenschaft Holsatia

Zur Person

Günther Meyer v/Goliath, Jahrgang 1928, trat nach dem Kriege 1949 als Wiedergründer der freien Landsmannschaft Normannia bei, die 1950 in der Burschenschaft Holsatia aufging.

Er war lange Jahre Programmdirektor des Hessischen Rundfunks und stand unserer Korporation von 1969 bis 1973 als AH-Präside vor.

Günther Meyer verstarb im Sommer 1994.