Die Legende vom Binger Bleistift

Den Namen erhielt der "Binger Bleistift" zu der Zeit, als er noch eine in Bingen sehr bekannte und geschätzte Gastwirtschaft war. Viele können mit dem Begriff "Binger Bleistift" allerdings wenig anfangen. Er entspringt einer kleinen, aber in Bingen bekannten Anekdote, die sich wie folgt zugetragen haben soll:

Die Ratssitzung, die dem Binger Bleistift zu seinem Ruhm verhalf, datiert nach einem Blick in die Annalen aus dem Jahre 1752. Die Stadt Bingen und das Mainzer Domkapitel lagen wegen der Landstraße nach Weiler im Clinch. Bingen sollte Arbeiten daran verrichten, zu denen sich die Stadt in keiner Weise verpflichtet fühlte und das Ersuchen aus Mainz ablehnte. Die Mainzer allerdings antworteten mit der Entsendung einer Kommission und Exekutionstruppen, die Schränke im Rathaus aufbrachen und sämtliche Urkunden mit sich gehen ließen. Grund genug für Ritter Boos von Waldeck, den Rat zusammenzurufen. Protokoll führte Stadtschreiber P. F. Weizel, das, nachdem es verlesen wurde, nur noch zu unterschreiben war. Als es aber soweit war, versagte der Gänsekiel seinen Dienst und knickte ab. Was tun? Die Sitzung hatte sowieso schon viel zu lange gedauert und eine Unterschrift musste geleistet werden. Ein anderer Gänsekiel war jedoch nicht in Sicht. Auch die anwesenden Herren führten - nach Befragung durch den Ritter - allesamt keinen Bleistift mit sich.

 Der Ritter Boos aber nahm's gelassen und vertagte die Unterschrift auf ein andermal und bat die versammelte Gesellschaft zur Weinprobe in den Ratskeller, zu der Schultheiß Carove eingeladen hatte, um die städtischen Weine des Jahrgangs 1751 zu verkosten. Eine wichtige Amtshandlung, denn es galt seit langem der Spruch: "Des Ratsherrn Trunk ist hehre Pflicht, eine trockene Lampe leuchtet nicht.". Als dann die erste Flasche aufgezogen werden sollte und der Kellermeister - so etwas war ihm Zeit seines Lebens noch nicht passiert - den Korkenzieher nicht fand, wandte sich Ritter Boos wieder an seine Ratsherrn und fragte nach. "Dodraa soll's nit fehle", antwortete einer und dann alle; und ohne lange zu suchen, streckten sich dem Kellermeister auf einmal die unterschiedlichsten Arten von Korkenziehern entgegen.

Wo jetzt Dichtung und Wahrheit beginnt oder aufhört, sei dahingestellt - letztendlich ist Bingen um eine schöne Geschichte reicher. Die Geschichte ist in Bild und gereimtem Wort am Eingang unseres Hauses nachzulesen.

Heute dient uns der "Binger Bleistift" als Verbindungshaus, nachdem er im Jahre 1990 durch mehrere "Alte Herren" der Burschenschaft Holsatia gekauft werden konnte. Neben den Gemeinschaftsräumen stehen insgesamt 6 Studentenbuden zur Vermietung an Studenten der Fachhochschule Bingen bereit. Die Renovierung, die seit 1990 zum größten Teil in Eigenleistung durchgeführt wurde, läßt den "Binger Bleistift" heute in einem neuen Glanz erscheinen, der stetig weiter verbessert wird.

Das einstige Kleinod "Binger Bleistift" ist in unserer Hand zu einem funktionalen, lebenden und zukunftsorientierten Zeugnis vergangener Zeiten geworden. Und darauf sind wir ein bißchen stolz.Binger Bleistift 11